Nordisches Modell verschärft die Situation Marginalisierter

Für eine inklusive Drogen-, Sozial- und Migrationspolitik und Arbeitsrechte statt Strafrecht

Jenny Künkel

Den Hurentag (2. Juni) benutzten sexarbeitsfeindliche Gruppierungen wie der ‚Aktionskreis Berlin Pro Nordisches Modell‘ dieses Jahr verstärkt für Forderungen nach einem „Nordischen Modell“, also einem Prostitutionsverbot durch die Kriminalisierung der Nachfrage nach käuflichem Sex. Die Presse hat eine diesbezügliche dpa-Meldung aufgegriffen – oft ohne Kritiken an der Kriminalisierung in mehr als in einem Halbsatz anzureißen (so z.B. die Süddeutsche Zeitung).

Es zeugt von einem ausgeprägten Mangel an Feinfühligkeit, ausgerechnet an diesen Tag die Stimmen von Sexarbeiter*innen, die die Verbotspolitiken fast unisono als kontraproduktiv für eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen ansehen, derart zu übergehen. Es zeugt aber auch von dem Unwillen, wissenschaftliche Untersuchungen zur Kenntnis zu nehmen: Trotz weiteren Forschungsbedarfs steht es aus wissenschaftlicher Perspektive außer Frage, dass das „Nordische“ oder „Schwedische Modell“ Marginalisierung und Prekarität bekämpfen könnte. Im Gegenteil, es verschlechtert gerade die Arbeits- und Lebensbedingungen Marginalisierter.

Ich fasse im Folgenden ein paar Literaturüberblicke, die dies aufzeigen, zusammen und rücke – auch unter Verweis auf einige meiner früheren Texte zum Thema – Missverständnisse in der Debatte gerade. Denn nicht nur zum Hurentag, sondern allgemein seit der Corona-Krise verstärkten langjährige Lobbyist*innen gegen Prostitution sowie eine neue Initiative im Bundestag ihre Rufe nach dem Sexkaufverbot (vgl. Künkel 2020) – anstatt evidenzbasiert Marginalisierung zu bekämpfen.

Verbote schaden gerade Marginalisierten

Was wissen wir also über Sexarbeitspolitiken? Gut untersucht ist, dass Verbote Sexarbeit nicht verhindern, sondern negative Konsequenzen für Sexarbeiter*innen bedeuten: Sie verschlechtern insbesondere die Gesundheit und Sicherheit – z.B. da Sexarbeit in versteckte Bereiche abwandert, Verhandlungen mit Kund*innen in der Straßenprostitution unter Zeitdruck stattfinden und da Verbote Polizeigewalt fördern. Zudem schwächen sie die Verhandlungsposition von Sexarbeiter*innen gegenüber Bordellbetreiber*innen, Zuhälter(innen) und den Kund*innen. Dies hat z.B. Ine Vanwesenbeck (2017) in einem Literaturüberblick zur Kriminalisierung von Sexarbeit zusammengefasst.

Verschiedentlich wird in Frage gestellt, ob diese negative Einschätzung auch für ein einseitiges Verbot nur der Nachfrage gilt. Wenn die Sexarbeiter*innen selbst gar nicht kriminalisiert werden, sondern nur ihre Kund*innen, könne ihnen dies doch auch nicht schaden, so die Logik. Auch diesbezüglich gibt es zahlreiche empirische Arbeiten. Überblicke über den Stand der Forschung zum oft als „Schwedisches“ oder als „Nordisches Modell“ bezeichneten „Sexkaufverbot“ zeigen, dass dieses gerade die Situation von ohnehin marginalisierten Sexarbeiter*innen verschärft.

So arbeiteten etwa Holmström und Skilbrei (2017) in einem bemerkenswert neutralen Literaturüberblick die Effekte des neo-abolitionistischen Verbots von Sexarbeit qua Kriminalisierung der Nachfrage in Schweden seit 1999 auf. Sie zeigen, dass sich der oft behauptete Rückgang von Prostitution durch das Gesetz bis dato nicht nachweisen lässt. Auf normativer Ebene bewirkte das Gesetz, dass immer mehr Schwed*innen eine Kriminalisierung der Nachfrage befürworten. Entgegen der Intention des Gesetzes stieg parallel dazu auch die Befürwortung einer Kriminalisierung von Sexarbeiter*innen an. Dies bedeutet, dass Sexarbeiter*innen stärker stigmatisiert werden. Es zeichnen sich erste Auswirkungen des verstärkten Stigmas auf die Perspektive von Behörden und Sozialer Arbeit ab: Das Vertrauen von Sexarbeiter*innen in diese Institutionen sinkt. Einige Wohlfahrtsbehörden bieten nur Unterstützung für Opfer von Zuhälterei und Menschenhandel, nicht aber für Sexarbeiter*innen, die ohne solche organisierenden Dritten arbeiten. Qualitative Studien zeigen zudem ein Abdrängen von Sexarbeiter*innen in klandestine und weniger sichere Arbeitsformen. Davon sind besonders vulnerable Gruppen betroffen, während zu untersuchen bleibt, ob privilegierte Gruppen innerhalb der Online-vermittelten Wohnungsprostitution unter Umständen davon profitieren könnten. Der Umfang dieser Verdrängung durch das Gesetz ist bis dato unbekannt. Weitere Untersuchungen zu diesem Prozess müssten parallele Ursachen der Abwanderung von Sexarbeit aus öffentlichen Räumen (wie z.B. Gentrifizierung und Digitalisierung) berücksichtigen.

Insgesamt fällt also, wenngleich mögliche positive Effekte für besonders privilegierte Sexarbeiter*innen im Teilsegment der Appartementprostitution nicht ausgeschlossen werden, die Beurteilung des „Schwedischen Modells“ gerade hinsichtlich marginalisierter Sexarbeiter*innen negativ aus.

Noch deutlicher zeigte Niina Vuolajärvi (2019) kürzlich Probleme des „Nordischen Modells“ auf. Ihre Einschätzung stützt sich neben der Aufarbeitung der Sekundärliteratur auf zwei Jahre ethnographische Forschung und 195 Interviews in Schweden, Norwegen und Finnland. Sie bestätigt noch einmal, dass eine Kriminalisierung der Kund*innen die Sicherheit von Sexarbeiter*innen beeinträchtigt. Denn Kund(innen)en fahren z.B. mit Straßensexarbeiter*innen oft an abgelegene Orte und bringen sie z.T. nicht einmal zurück – aus Angst vor der Polizei. Diese wiederum fokussiert in allen drei Ländern migrantische Sexarbeiter*innen. Sie überprüft regelmäßig auch deren Aufenthaltsstatus. Dies trifft insbesondere Nicht-EU-Bürger*innen, die beschränkte Arbeitsmarkt- und Sozialstaatszugänge haben und wegen der Kriminalisierung von Sexarbeit keine Aufenthaltsgenehmigung erhalten, die Sozialleistungsbezüge ermöglichen würde. Für Nicht-EU-Bürger*innen enden Kontrollen meist in Abschiebungen (oder gar zuvor mit präventiven Einreiseverboten). Dies gilt insbesondere in Schweden, wo in Anschluss an das Sexkaufverbot das Ausländerrecht Sexarbeit als Ausweisungsgrund deklariert. Dabei sind – angesichts von racial profiling – insbesondere Schwarze Menschen betroffen.

In Schweden ist das neoabolitionistische Modell am umfassendsten im Gesetz verankert und implementiert. Norwegen zeigt demgegenüber weniger Initiative bei der Gesetzesumsetzung. Finnland kriminalisiert schon im Gesetz nur die Kund*innen von Menschenhandelsopfern. Dies ist zum einen der Grund, warum Wissenschaftler*innen die Existenz eines einheitlichen „Nordischen Modells“ in Frage stellen (vgl. Kingston/Thomas 2019) bzw. als „Mythos“ bezeichnen. Zum anderen ist es der Grund, warum Schweden besonders stark in der Kritik von Sexarbeitsaktivist*innen steht. In Schweden bieten, wie Vuolajärvi aufzeigt, Sozialarbeiter*innen, die auf therapiebegleiteten Prostitutionsausstieg setzen, selbst Migrant*innen aus anderen EU-Ländern oft nur ein Rückfahrtticket ins Heimatland. In Norwegen und Finnland, wo das Nordische Modell rechtlich und ideologisch nicht ganz so tief verankert ist, ist auch harm reduction das Ziel. EU-Migrant*innen haben dadurch zumindest Zugang zu basalen soziomedizinischen und rechtlichen (Beratungs‑)Angeboten. In Schweden hingegen erhalten selbst anerkannte Opfer von Menschenhandel kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht.

Zudem äußern Sexarbeiter*innen laut Vuolajärvi in Schweden den subjektiven Eindruck, dass die Polizei ihre Anliegen angesichts des zunehmenden Hurenstigmas weniger ernst nimmt. Levy (2014) beschreibt, dass Polizeikräfte Vergewaltigungen, die mit dem Argument, der Sex sei ja bezahlt worden, abtaten – dies wird allerdings auch in anderen Ländern als Effekt des Hurenstigmas aufgezeigt (z.B. Kingston/Thomas 2019). Schutz durch die Polizei suchen Sexarbeiter*innen nur im äußersten Notfall. Sie fürchten negative Konsequenzen: Abschiebung, Inobhutnahme der Kinder, Probleme mit der Steuerbehörde und nicht zuletzt auch Verlust der Wohnung. Denn Vermieter*innen gelten in Schweden und Norwegen als Zuhälter. Die Polizei nutzt dieses Gesetz, das die Mieten und Abhängigkeiten von Sexarbeiter*innen erhöht, aktiv zur Entmietung.

Vuolajärvi kommt angesichts dieser Entwicklungen zum Schluss: Das im Namen des Schutzes von Frauen eingeführte „Nordische Modell“ führt zu deren Kontrolle, Abschiebung und allgemeiner schlechteren Arbeits- und Lebensbedingungen.

Aber es gibt doch Studien…

Als Argument für das „Nordische Modell“ wird oft ins Feld geführt, dass Menschenhandel durch Legalisierung von Sexarbeit zunehme und Sexarbeit traumatisiere. Das macht betroffen – und es soll auch betroffen machen, wie Birgit Sauer (2019) in einer Analyse der affektiven Strategien von Abolitionist*innen herausarbeitete. Solche Argumente zielen darauf, Frauensolidarität herzustellen – nicht zuletzt indem Frauen an eigene sexualisierte Gewalterfahrungen erinnert werden, die in Gesellschaften mit hierarchischen Geschlechterverhältnissen strukturell verankert und verbreitet sind.

Gewalt ist ernst zu nehmen. Dennoch bedarf es eines sachlichen, wissenschaftlich fundierten Blicks auf die Ursachen. Die oben genannten Literaturüberblicke und Methodenkritiken (z.B. von Weitzer 2015) zeigen: Die Studien, die eine Zunahme von Menschenhandel auf Legalisierung zurückführen wollen, bringen noch keine konklusiven Ergebnisse hervor. Denn die Datenlage ist in diesem im gesellschaftlichen Graubereich bis dato zu ungenau. Davor warnen die Autor*innen der quantitativen Studien, Kotsadam und Jakobsson (2010) sowie Cho et al (2013), selbst. Zugleich ist es z.B. gar nicht so einfach, wissenschaftlich zu operationalisieren, was „Legalisierung“ überhaupt ist – denn in vielen Ländern ist Sexarbeit selbst legal, aber nahezu alle damit verbunden Tätigkeiten verboten (z.B. in Großbritannien, wo nicht mehr als eine Person in einer Wohnung arbeiten darf und wiederholtes Anbieten von Sex auf der Straße kriminalisiert ist). Problematisch ist zudem, dass hier Strafrecht versus Erlaubtheit isoliert betrachtet werden. Ausgeblendet wird dabei, dass Arbeitsverhältnisse in allen Branchen durch Sozialrecht, Arbeitsrecht, Migrationsrecht, Tarifverträge, gewerkschaftliche Organisierung etc. geformt und ausgestaltet werden (können). Es gilt also, nicht nur oder vorrangig Strafrecht und sexarbeitsspezifisches Recht zu betrachten.

Qualitative Arbeiten zu Deutschland, wo Sexarbeit grundsätzlich legal ist, haben verschiedentlich darauf verwiesen, dass prekäre Sexarbeit neben z.B. hegemonialen Geschlechterrollen und Beziehungsnormen, die Abhängigkeiten von Frauen zu Zuhältern fördern können, nicht zuletzt auf schlechter sozialer Absicherung beruht: Diese entsteht z.B. durch Sozialstaatsausschlüsse von Migrant*innen, rassistische Ausschlüsse aus Bildungsinstitutionen und auf Arbeits- und Wohnungsmärkten (auch schon in Migrationsursprungsländern), Armut von finanziell unterstützten Familienmitgliedern in Migrationsursprungsländern oder Drogenkriminalisierung (Schrader 2013; Katona 2017; Schrader/Künkel 2020; Probst 2020). Dies sollte künftig noch genauer untersucht werden. Doch schon jetzt zeigt die Sozialstaats- und Migrationsforschung deutlich einen Zusammenhang von Sozialrecht und Arbeitsbedingungen: Wer keine Einkommensalternative hat, kann schlecht „Nein“ sagen. EU-Bürger*innen aus den neuen Beitrittsländern gelten – nach recht einheitlichen Schätzungen – mittlerweile als größte Gruppe unter den über 50% Migrant*innen im Sexgewerbe. Sie haben kaum Zugang zu den deutschen sozialen Sicherungssystemen (außer eng gekoppelt an eine nachweisbare Arbeit, z.B. durch „Hartz-IV-Ausstocken“ oder temporär bei Arbeitsverlust, und bei nachweisbarem langjährigen Aufenthalt). Städte versuchen, Kosten i.d.R so gering wie möglich zu halten und begrenzen Hilfen mit dem Ziel, keine zusätzliche „Armutsmigration“ anzuziehen (Künkel 2018). Damit stellen sie die Armut der Arbeitsmigrant*innen her. Sie bieter selbst bei Obdachlosigkeit oft nur ein Rückfahrtticket in die Heimat oder nachts im Winter einen kalten U-Bahnhoffußboden zum Übernachten. Lisa Riedner (2017) spricht angesichts dieser gezielt hergestellten prekären Lebenslagen von EU-Arbeitsmigrant*innen (aller Branchen) von „Aktivierung [zur Arbeit] durch Ausschluss [aus Sozialsystemen]“. Denn Menschen nehmen, wie sie mit Blick auf den Tagelöhner*innenmarkt (z.B. für Tätigkeiten auf dem Bau) herausarbeitet, unter solchen Bedingungen fast jede Arbeit an.

Wer schlechte Arbeitsbedingungen im Sexgewerbe bekämpfen will, muss demnach insbesondere prekäre Lebenslagen analysieren und ursachenbezogen bekämpfen. Ansatzpunkte gäbe es, den politischen Willen vorausgesetzt, schon jetzt viele: vom Sozialstaatszugang für Migrant*innen, über Sozialen Wohnungsbau, Abbau von Rassismen, die insbesondere ethnische Minderheiten unter den Migrant*innen auf verschiedenen Märkten diskriminieren, bis zu einer Arbeitsmarktpolitik, die nicht auf Niedriglohn setzt, oder gar einem bedingungslosen Grundeinkommen. Branchenspezifische Mechanismen, die Arbeitgeber*innen nutzen, um prekäre Lebenslagen in besonders ausgeprägte Arbeitsausbeutung zu transformieren, lassen sich zusätzlich auch betrachten (z.B. Akkord im Putzgewerbe, De-facto-24h-Verfügbarkeit in der häuslichen Pflege, Werkverträge in Schlachtbetrieben oder Zimmermietmodelle im Sexgewerbe). Angesichts der Ubiquität solcher Mechanismen in arbeitsintensiven Branchen vor dem Hintergrund des Drucks, der aus Armut entsteht, sollten sie aber nicht isoliert betrachtet werden. Gerade im Sexgewerbe wären dabei zudem zunächst, Interaktionen mit branchenspezifischem Ordnungs- und Strafrecht genau zu analysieren (zu analysieren wäre z.B. inwieweit Zimmermieten durch Monopolstellungen von Vermieter*innen in Sperrgebieten beeinflusst werden und ob Sexgewerbemieten durch das Prostituiertenschutzgesetz erhöht wurden). Angesichts einer nur begrenzten Forschungslage zu solchen Fragen, gilt es – anstelle von Schnellschüssen symbolischer Politik – zunächst wissenschaftliche Erkenntnisse auszuweiten.

Ähnliches gilt bezüglich der immer wieder für ein „Nordisches Modell“ ins Feld geführten Studien zu Traumatisierungen unter Sexarbeiter*innen. Diese existieren durchaus. Allerdings übersehen Texte, die Traumata als Argument für eine Freierkriminalisierung ins Feld führen und dafür z.B. häufig Vergleiche von Sexarbeiter*innen mit Kriegsveteran*innen ziehen, dass Sexarbeit nicht unbedingt die Traumaursache ist. Auch lassen die idR höchst einseitig zitierten Studien keine Aussagen über Sexarbeit allgemein zu. Denn die befragten Sexarbeiter*innen – z.B. in der immer wieder angeführte Studie von Farley et al (1998) – gehören besonders marginalisierten Gruppen an. Sie verweisen darauf, dass ein Leben in der Prekarität traumatisierend sein kann. Bei Sexarbeiter*innen aus Bordellen in den Niederlanden hingegen zeigen sich in einer Studie von Vanwesenbeck (2005 ) ähnliche berufsbedingte psychische Belastungen wie bei vergleichbaren Berufen. Insgesamt lässt dies eher darauf schließen, dass gute Arbeitsbedingungen und Entprekarisierung der Schlüssel sind, um Traumata zu reduzieren, als dass es Sexarbeit per se zu verbieten gelte.

„Aber Deutschland ist seit der Deregulierung das Bordell Europas…“

Als weitere Argumente für das „Schwedische Modell“ werden z.B. im Umfeld der Zeitschrift EMMA, oft angeführt: Deutschland sei durch die „Deregulierung“ oder „Liberalisierung“ mittels des Prostitutionsgesetz von 2001 das „Bordell Europas“ geworden. Es grassierten Gewalt und Menschenhandel. 99 Prozent der Sexarbeiter*innen seien „Armutsprostituierte“, meist aus Südosteuropa. Die liberale deutsche Gesetzgebung sei nur für das eine Prozent privilegierter Sexarbeiter*innen gemacht.

Wenngleich das Thematisieren und Adressieren von Prekarität grundsätzlich wichtig ist, muss hier doch eingewendet werden, dass nicht nur Zahlen gänzlich unbelegt sind. Es geht auch in der Argumentation zu vieles durcheinander (ausführlicher: Künkel 2019). Mit dem Prostitutionsgesetz wurde lediglich der Straftatbestand der „Förderung der Prostitution“ abgeschafft. Dieser hatte gerade gute Arbeitsbedingungen kriminalisiert, z.B. das kostenlose Bereitstellen von Kondomen in Bordellen. Andere gewerbespezifische Kontrollgesetze blieben erhalten (und wurden später sogar ausgebaut): Dazu zählt etwa die Möglichkeit der räumlichen Begrenzung von Bordellen oder Straßenstrichen auf kleine Toleranzzonen, in denen Bordellbetreiber*innen oder Zuhälter(innen) Monopolstellungen innehaben. Demgegenüber erkannte das Prostitutionsgesetz Arbeits- und Dienstleistungsverträge zivilrechtlich an. Statt zu deregulieren, ermöglichte das Gesetz damit – anders als im schwedischen Beispiel – grundsätzlich eine Regulierung durch das Arbeits- und Gewerberecht. Dagegen sperrten sich allerdings die Länder, die eine bundesweite Anwendung von Gewerberecht verhinderten. Es gab keine Unterstützung einer Transition der selbstständigen Tätigkeit in Bordellen, die im Gewerbe, in dem Arbeitgeber*innentum zuvor verboten war, üblich war, in abhängige Beschäftigungsverhältnisse. Auch der Aufbau eines Tarifsystems blieb – in einer Zeit der Schwächung von Gewerkschaften durch neoliberale Politiken – im stigmatisierten Gewerbe aus. Für Migrant*innen wurden weder – wie damals z.T. gefordert – Greencard-Modelle geschaffen, noch die soziale Absicherung ausgebaut (wie es insbesondere angesichts der bald folgenden Phasen der EU-Osterweiterung und entsprechend großen Zahlen legal in Deutschland arbeitender, aber prekarisierter Arbeitskräfte angeraten wäre, s. oben). Das „Prostituiertenschutzgesetz“ von 2016 setzte auf der Basis dieser fragwürdigen Deregulierungsargumente auf Kontrolle: v.a. auf die Registrierung von Sexarbeiter*innen und Lizensierung von Bordellen. Mangelnde soziale Absicherung wurde auch hier nicht adressiert. Nun fordern einige Stimmen, auf der Basis der gleichen verzerrten Argumente (die eingangs genannte Initiative für ein Sexkaufverbot kritisiert eine vermeintliche Politik der „Liberalisierung“ als Ausgangsproblem), Armut mit Strafe anzugehen. Damit würden sich, wie dieser Beitrag unter Verweis auf Metastudien gezeigt hat, die Lebens- und Arbeitsbedingungen gerade marginalisierter Sexarbeiter*innen verschlechtern.

Ich denke, es ist Zeit, die Debatte zu versachlichen. Es gilt, Sexarbeit als Arbeit anzuerkennen und Arbeit als Ausbeutung, und systematisch, gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse und das Expert*innentum von Sexarbeiter*innen Arbeitsbedingungen zu gestalten.

Literatur

Cho, Seo-Young / Dreher, Axel / Neumayer, Eric (2013): Does Legalized Prostitution Increase Human Trafficking? In: World Development 41(1). S. 67–82.

Holmström, Charlotta / Skilbrei, May-Len (2017): The Swedish Sex Purchase Act: Where Does it Stand? In: Oslo Law Review 1(2). S. 82–104.

Farley, Melissa / Baral, Isin / Kiremire, Merab / Sezgin, Ufuk (1998): Prostitution in Five Countries: Violence and Post-Traumatic Stress Disorder. In: Feminism & Psychology 8(4). S. 405–426.

Jakobsson, Niklas / Kotsadam, Andreas (2013): The law and economics of international sex slavery: prostitution laws and trafficking for sexual exploitation. In: European Journal of Law and Economics 35(1). S. 87–107.

Katona, Noemi (2017): Loved or seduced? Intimate relationships between Hungarian sex workers and pimps in Berlin’s Kurfürstenstraße. In: Horning, Amber / Marcus, Anthony (Hg.): Third Party Sex Work and Pimps in the Age of Anti-trafficking. Wiesbaden: Springer. S. 49–69.

Kingston, Sarah/ Thomas, Terry (2019): No model in practice: a ‘Nordic model’ to respond to prostitution?, in: Crime Law Soc Change 71, S. 423-439.

Künkel, Jenny (2018): Die städtische Produktion von „Armutsmigration“. Soziale Kämpfe um prekäres Wohnen in Frankfurt am Main. In: Prokla 48(2). S. 283-298.

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